Rezension: Die verlorenen Briefe des William Woolf

*Rezensionsexemplar*

Woolf

Titel: Die verlorenen Briefe des William Woolf
Autorin: Helen Cullen
Verlag: Wunderraum (Verlagsgruppe Randomhouse)
Erschienen: April 2019

 

„Mythen und Legenden wurden in epischer Breite von Kollege zu Kollege weitergegeben; Geschichten über Verlorengegangenes, das endlich gefunden worden war.“

 

Zum Inhalt:

William Woolf arbeitet als Briefdetektiv in London; wo er verloren gegangene Briefe versucht an die richtigen Personen weiterzuleiten. Sich selbst gefunden hat er jedoch nicht so richtig. Er steckt in einer eher lieblosen, von Alltagstrott zerfressenen Ehe fest und hat den Traum ein eigenes Buch rauszubringen bereits aufgegeben. Als er im Depot der verblichenen Briefe auf mitternachtsblaue Briefe mit dem Adressaten >>Meine große Liebe<< entdeckt, ist seine Neugierde entdeckt. William beginnt geheime Botschaften herauszulesen und versucht der unbekannten Schreiberin näher zu kommen, während er sich immer weiter von seiner eigentlichen Ehefrau entfernt…

 

„Briefe waren das Medium derjenigen, die nicht von Angesicht zu Angesicht kommunizieren konnten oder wollten. Was wohl alles ungesagt bliebe, wenn Menschen nicht die Möglichkeit hätten, aus sicherer Entfernung mit Stift und Papier zu sprechen?“

 

Meine Meinung:

Was mich am meisten gereizt hat, zu diesem Buch zu greifen? Definitiv der Beruf des Briefdetektivs. Davon habe ich noch nie zuvor gehört. Generell schreibe ich zwar selber keine Briefe mehr, dennoch finde ich die Art und Weise, wie man seine Gefühle durch sie zum Ausdruck bringen kann einfach ganz besonders.

Ganz besonders, trifft auch sehr gut auf dieses Buch zu. Ich hatte eine schöne, nette Geschichte rund ums Briefe schreiben erwartet. Doch steckt in dieser Story noch so viel mehr: Die Frage nach der großen Liebe, dem Kampf um die vorhandene Liebe und die Frage, ob man sich nur anhand geschriebener Worte in jemanden verlieben kann.

Umso mehr ich über die Geschichte um William und seine Frau Clare nachdenke, umso tiefer wirkt sie auf mich. Drücken wir uns mit geschriebenen Wörtern immer anders aus als, wenn wir direkt mit unserm Gegenüber reden?

Das Buch zeigt die Geschichte aus den Perspektiven von William und Clare, nicht immer abwechselnd, aber immer passend zur Situation. Zu Beginn und zwischendurch fiel es mir wirklich schwer mich auf Clares Sichtweise einzulassen, da sie doch recht kühl und anspruchsvoll, manchmal sogar fies wirkte. Der ruhige, nerdige William gefiel mir da von Anfang an besser. Doch man lernt im Laufe der Story immer mehr Kleinigkeiten über die beiden und ihre Ehe kennen. Eigentlich gibt es hier keinen, der Schuld am drohenden Scheitern der Ehe hat. Wie so oft sind es beide Parteien und ein sehr wichtiger Punkt: Fehlende Kommunikation. Gerade diese fehlende Kommunikation zwischen Clare und William wird durch die mysteriösen Briefe von Winter aufgegriffen. Dass die Briefe immer in genau dem richtigen Moment aufzutauchen scheinen, ist schon fast magisch und verleiht dem ganzen etwas fesselndes.

Der Schreibstil hat für mich etwas poetisches und war sehr angenehm. Es gab anders als in letzter Zeit in Jugendbüchern, die ich gelesen habe, keinerlei Rechtschreib- oder Grammatikfehler. Zumindest ist mir keiner aufgefallen. Schade, dass sowas erwähnt werden muss, für mich dadurch aber wirklich erfrischend und entspannend.

Das gesamte Buch ist für mich so unglaublich kreativ! Innerhalb der ersten 80 Seiten hatte ich bereits mehrere Briefe von verschiedenen Absendern gelesen. Die Autorin schafft es, dass man sich mit vielleicht fünf Zeilen den Briefeschreiber sofort vorstellen konnte. In diesem Buch verstecken sich so viele Geschichten in einer. Unfassbar!

Ich würde gerne so viele Zitate und Lieblingsstellen teilen, dass ich wahrscheinlich das halbe Buch abschreibe. Ausnahmsweise habe ich sogar das Nachwort der Autorin komplett verschlungen.

Hier ein kleiner Auszug: „Neben dem Thema des Briefeschreibens beschäftigte mich aber noch ein zweites: die Liebe. Genauer gesagt die Frage, wie Liebe der Zeit und dem banalen Alltag trotzen kann, vor allem, wenn sie ständig an dem Ideal gemessen wird, das Kunst und Medien von ihr entwerfen.“ Meiner Ansicht nach ein wirklich faszinierender und wichtiger Gedanke.

 

„Wir werden so oft durch Entscheidungen geprägt, die wir im Bruchteil einer Sekunde fällen. Denn wenn wir nicht die Zeit haben zu entscheiden, wer wir sein wollen, offenbaren wir, wer wir wirklich sind.“

 

Fazit:

Meiner Ansicht nach eine klare Empfehlung an alle, die Gedichte, Briefe und die Kunst der Worte lieben. Die eine etwas tiefgründigere Geschichte mit viel Emotionen und Tiefgang suchen. Ich bin in diesen Debütroman verliebt und hoffe auf weitere unglaubliche Geschichten von Helen Cullen.

 

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