Rezension: Die Sammlerin der verlorenen Wörter

Titel: Die Sammlerin der verlorenen Wörter
Autorin: Pip Williams
Verlag: Diana (Penguin RandomHouse)
Erschienen: 04/2022
*Rezensionsexemplar

 

Darum geht’s:

»Oxford, Ende des 19. Jahrhunderts. Esme wächst in einer Welt der Wörter auf. Unter dem Schreibtisch ihres Vaters, der als Lexikograph am ersten Oxford English Dictionary arbeitet, liest sie neugierig heruntergefallene Papiere auf. Nach und nach erkennt sie, was die männlichen Gelehrten oft achtlos verwerfen und nicht in das Wörterbuch aufnehmen: Es sind allesamt Begriffe, die Frauen betreffen. Entschlossen legt Esme ihre eigene Sammlung an, will die Wörter festhalten, die fern der Universität wirklich gesprochen werden. Sie stürzt sich ins Leben, findet Verbündete, entdeckt die Liebe und beginnt für die Rechte der Frauen zu kämpfen.« (RandomHouse)

 

Meine Meinung:

Wie entsteht eigentlich ein Wörterbuch? Und wie entstand vor allem das wohl bedeutendste Wörterbuch der Welt, das Oxford English Dictionary? So richtig Gedanken über so etwas macht sich vermutlich kaum jemand.

Das Cover und die Aussicht auf eine Geschichte rund um Bücher und Wörter hat mich magisch angezogen und nach dem Lesen bisher nicht wieder ganz los gelassen.

Im Buch verfolgen wir die komplette Lebensgeschichte von Esme, die als Tochter eines Lexikographen (der verantwortlich dafür ist, neue Wörter ins Wörterbuch aufzunehmen) die meiste Zeit unter dessen Tisch im Skriptorium verbringt. Grob betrachtet, könnte man meinen, dass im Buch nicht viel passiert und es gemächlich vorangeht. Doch eigentlich passiert eine ganze Menge.

Esmes Entdeckungen neuer Wörter empfand ich jedes Mal als aufregend. Man fragt sich immer wieder, welches Wort sie jetzt gefunden hat. Es tauchen so viele Wörter auf, die man nicht kennt, eben weil sie es nie ins Wörterbuch geschafft haben. Und viele davon sind entweder zu obszön für damalige Zeiten gewesen oder wurden als Frauenwörter abgestempelt. Diesen Gedanke fand ich sowohl faszinierend, als auch erschreckend. Selbst beim Wörterbuch wurden Frauen benachteiligt.

Meiner Ansicht nach trägt das Buch eine wahnsinnig spannende Geschichte in sich, die noch Bedeutung für unsere heutige Welt hat. Wörter sind Geschichtsträger und können nicht nur auf vergangene Ereignisse verweisen, auch ihre Lücken zeigen die Realität von Menschen.

Obwohl das Buch mit 528 Seiten ein echt dicker Schmöker ist, empfand ich die Story nie als langweilig. Pip Williams schreibt unglaublich atmosphärisch, sodass man sich sehr leicht ins 19. Jahrhundert fühlen kann. Hier werden keine unnötigen Beschreibungen und zu ungewohnte alte Sprache verwendet, die Story und Esme als ihre Protagonistin stehen im Vordergrund.

Ich finde es sehr gelungen, dass die Übersetzerin sich dazu entschieden hat, die neuen Wörter, die Esme lernt und in die auch die Kapitel eingeteilt sind, erst in ihrer englischen Bedeutung so stehen zu lassen und dann ins Deutsche zu übersetzen. Die Übersetzungen hätten andernfalls keinen Sinn mehr ergeben, da viele Wörter dann mit einem anderen Buchstaben begonnen hätten.

Faszinierend finde ich vor allem, dass die grundsätzliche Geschichte der Entstehung vom Oxford Dictionary im Buch auf wahren Begebenheiten beruht und sogar damals reale Personen vorkommen. Auch wenn sie fiktionalisiert sind, gibt das dem Buch noch einmal eine besondere Bedeutung und zeigt, wie viele spannende Geschichten noch in unserer Vergangenheit schlummern.

Für mich ist der Erfolg des Buches in den USA, UK und co. absolut nachvollziehbar und ich wünschte, das Buch würde auch in Deutschland mehr Aufmerksamkeit erhalten, jedoch hat das Oxford Dictionary eben nochmal eine ganz andere Bedeutung für den englischen Sprachraum als es der Duden für Deutschland hätte.

Von mir gibt es eine ganz klare Empfehlung für »Die Sammlerin der verlorenen Wörter«. Faszinierend, emotional und atmosphärisch.

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